Susanne Hartmann
erntet für Ihre Aussagen zum Autobahnausbau harsche Kritik.
Arno Tanner engagiert sich seit vier Jahren in verschiedenen Projekten für geflüchtete Menschen. 2021 reiste der 29-Jährige erstmals nach Lesbos, um in einem Gemeinschaftszentrum zu helfen. Aktuell koordiniert er ein Projekt, das Flüchtlingen rechtliches Gehör ermöglicht.
Samos Aktuell lebt Arno Tanner auf der griechischen Insel, die im östlichen Ägäischen Meer liegt. Da die Meerenge zwischen Samos und der Türkei «nur» 1,6 Kilometer breit ist, kommen hier viele Flüchtlinge an. «Gemäss aktueller Statistik leben im Lager 2'683 Personen», erklärt Tanner. Reguläre Einwohnerinnen und Einwohner hat die Insel gut 30'000, wobei die Behörden um eine strikte Trennung bemüht sind. «Die Anlage ist acht Kilometer von bewohnten Dörfern entfernt und ähnelt mit Stacheldrahtzaun, Wachturm und Fingerprintzugang einem Hochsicherheitsgefängnis», erzählt Tanner. Die EU habe sich das Lager viele Millionen Franken kosten lassen. Mit seinen Mitstreitern bietet Tanner über das «Human Rights Legal Projekt» den Flüchtlingen juristische Unterstützung, wobei er in der Projektkoordination und -leitung wirkt. «Wir beraten viele Asylsuchende, die Opfer von illegalen Pushbacks wurden», erzählt Tanner. «Pushbacks» bezeichnen die Abschiebung von Flüchtlingen unmittelbar nach Grenzübertritt, um einen Asylantrag auf eigenem Territorium zu verhindern. Auch Personen, die innerhalb des Lagers Menschenrechtsverletzungen erlebten, werden beraten.
«Aktuell kommen viele Familien aus Afghanistan an, da Pakistan, der Iran und die Türkei begonnen haben, Personen in die Taliban-Herrschaft zurückzuschicken», erzählt Tanner. Die grösste Gruppe im Lager bilden Personen aus Afghanistan und Syrien. «Nach dem Sturz des Assads-Regime hat Griechenland wie die meisten EU-Staaten alle Asylverfahren von Personen aus Syrien eingefroren. So sitzen sie seit Monaten im Lager und warten», erklärt Tanner. Weitere Ursprungsländer der Flüchtlinge in Samos sind gemäss Tanner Äthiopien, Irak, Jemen, Sudan, Palästina oder Somalia. Fluchtrouten führen unter anderem über die Türkei und sehr oft über Libyen. Dort wird für Tanner das ganze Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik besonders deutlich: «In Libyen haben unterschiedliche Milizen in verschiedenen Gebieten die Oberhand. Doch obwohl es keinen funktionierenden Staat gibt, versucht Europa Abkommen zu schliessen.» Libyen ist berüchtigt für katastrophale Zustände in den Flüchtlingslagern.
Von dieser Erfahrung hätten auch jene 22 Personen berichtet, die Tanner mit anderen Freiwilligen bei einem Einsatz für die Nichtregierungsorganisation «Sea-Eye» aus dem Wasser zog: «Sie waren von Männern mit Sturmmasken verhaftet und zwei Wochen lang unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten worden, bevor man sie auf offenem Meer über Bord schmiss.» Den Vorwurf, die privaten NGO würden mit ihrem Tun den Schleppern zuarbeiten, bestreitet Tanner vehement und verweist auf verschiedene Studien: «Als die italienische Seenotrettung Mare Nostrum eingestellt wurde, sind nicht weniger Personen übers Mittelmeer geflüchtet, aber deutlich mehr ertrunken.» Die Nichtregierungsorganisationen seien in der Folge entstanden und handelten allein nach internationalem Seerecht, das eine Pflicht zur Hilfe für Personen in Seenot vorsehe. «Würden die Regierungen ihren Job machen, bräuchte es diese Organisationen gar nicht», findet Tanner.
Den Vorwurf der Zusammenarbeit mit Schleppern bezeichnet er als Narrativ der Bürgerlichen, um vom Versagen der Politik abzulenken. Das treffe auch auf die Aussage zu, es kämen lediglich junge Männer auf der Suche nach einem wirtschaftlich besseren Leben nach Europa. «Im Lager in Samos sind aktuell 54 Prozent Frauen und Kinder. Unter den 46 Prozent Männern sind auch all die Familienväter», sagt Tanner, der in den letzten Jahren über seine Arbeit viele Flüchtlinge persönlich kennengelernt hat. Der Gossauer betont allerdings auch die Bedeutung der Abgrenzung. Sonst könne man diesen Job nicht lange machen. Er erzählt unter anderem von einer Frau, die auf der Flucht von Menschenhändlern gefangen genommen und in einem Bordell immer wieder vergewaltigt wurde, bevor ihr die Flucht gelang.
Dass sich sein Leben in der Schweiz wesentlich einfacher gestalten würde, ist sich Tanner bewusst. Und doch sagt er: «Aber die Arbeit hier mache ich gerne. Sie ist sinnstiftend. Es entstehen viele persönliche Beziehungen und man lebt in einer Gemeinschaft aus Leuten mit einem gemeinsamen Verständnis einer gerechten Gesellschaft.» Vor seinem Wegzug nach Griechenland arbeitete der gelernte Logistiker an der Heilpädagogischen Schule Flawil als Betreuer. Vor dem ersten Hilfseinsatz auf Lesbos ging er davon aus, nach seiner Rückkehr ein Studium als Sozialpädagoge zu beginnen. Doch daraus wurde nichts. «Zurück in der Schweiz spürte ich, dass mein Engagement in Griechenland mehr Nutzen bringt», erzählt er. Bis nächsten Sommer ist Tanner vertraglich ans aktuelle Programm gebunden. Wenn er von NGO unter Vertrag genommen wird, verdient er rund 1'000 Euro pro Monat. «Wenn man die Freizeit am Strand oder beim Wandern verbringt und auch sonst sparsam ist, kommt man hier mit diesem Lohn durch», erzählt er. Für andere Projekte engagiert er sich rein ehrenamtlich.
Die Arbeit mit Flüchtlingen werde ihn nie mehr ganz loslassen, schätzt Tanner. Aber er werde nicht jahrzehntelang an der Front arbeiten. «Man kann auch aus der Schweiz helfen. Das habe ich während meines Praktikums für Ärzte ohne Grenzen gesehen», sagt Tanner. Auch ein politisches Engagement könnte sich das SP-Mitglied vorstellen. Tanners Mutter politisierte für die CVP im Gossauer Gemeinderat. Sein Vater engagierte sich bei der FDP und der FLiG. «Da meine Mutter und eine meiner Schwestern immer noch in Gossau leben, bin ich immer mal wieder da», erzählt Tanner. Sein Vater verstarb 2021. «Das hat auch dazu beigetragen, dass ich nach Griechenland ging. Denn ich wollte dies schon länger machen und meine Pläne nicht mehr länger aufschieben», so der 29-Jährige. Aktuell habe er in der Schweiz noch keine Verpflichtungen und so werde er sich weiter an Europas Aussengrenzen für mehr Menschlichkeit engagieren. «Die Menschen, die hierherkommen, werden in Europa von Anfang an schlecht behandelt und entmenschlicht. Und dann fordern wir eine schnelle Integration», gibt Tanner zu bedenken.
Von Tobias Baumann
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